Interview mit Doc Lurch
Januar 2026
Audio-Transkription
Das Interview fand in der Küche von Doc Lurch statt, bei Bier und Zigaretten.
Doc Lurch hat gerade „Materie“ eröfffnet.
Doc Lurch, ich darf Dich doch so nennen, oder dürfen das nur deine Freunde?
Freunde? Das ist auch nur so ein Wort, mit dem sich die Leute gegenseitig ihr Gezappel schönreden. Ich habe keine Freunde, ich habe Diagnosen. Nenn mich, wie du willst. Am Ende ist ein Name auch nur Rauschen im Äther – völlig irrelevant für das Gewicht der Materie. Hast du auch eine richtige Frage oder willst du hier nur wertvolle Stille verschwenden?
Du setzt auf Provokation?
Provokation setzt voraus, dass mir deine Reaktion wichtig ist. Das wäre ja auch nur wieder Gezappel. Mein Antrieb ist nicht die Provokation, sondern die Feststellung. Die Welt ist ein hysterisches Grundrauschen. Wer meine Materie trägt, der provoziert nicht – der kapituliert vor der Realität. Ich stelle dir nur den Befund aus. Die Diagnose klebt am Körper. Die Materie gibt dir Schwere. Das ist kein Antrieb, das ist eine Notwendigkeit.
Moment, Moment… wieso Kapitulation?
Weil Kapitulation die einzige Form von Freiheit ist, die uns noch bleibt. Die Leute rennen ihrem Glück hinterher wie Hunde einem brennenden Reifen. Kapitulation bedeutet: Aufhören. Wenn du kapitulierst, akzeptierst du, dass da nichts mehr kommt. Wer kapituliert, muss nicht mehr mitspielen. Meine Diagnosen – Hä?, Nihilist, blindwert., so nämlich. – sind die weißen Fahnen aus Baumwolle. Wer das trägt, sagt: „Ich mache bei eurem Zirkus nicht mehr mit.“ Wer kämpft, zappelt noch. Wer kapituliert hat, wird zu Sediment. Er sinkt ab, er bleibt liegen. Das ist die totale Absolution.
Du vergisst deinen Nihilisten…
Vergessen? Um etwas zu vergessen, müsste ich es erst einmal für bedeutend genug erachtet haben. Mein Nihilismus ist kein Mantel, den ich an- und ausziehe. Er ist die Grundierung. Er ist das, was übrig bleibt, wenn das ganze Gezappel endlich wegfällt. Ich bin keine Rolle. Ich bin der Befund. Es gibt nur das Rauschen – oder die Materie.
Da grätsche ich gerne rein: Die Küche ist doch deine Küche von vor 30 Jahren, du wohnst doch in der gleichen Wohnung seit 30 Jahren, oder?
Du nennst das eine „Grätsche“? Ich nenne das Forschung am lebenden Objekt. Ja, die Küche ist seit 30 Jahren exakt dieselbe. Umzuziehen wäre das ultimative Gezappel. Diese Küche ist die Urzelle der Diagnose. Während die Welt alle zwei Jahre neue Möbel kauft, bleibe ich einfach liegen. Ich bin das beste Beispiel für mein eigenes Prinzip: Ich bin Sediment. Diese 30 Jahre sind keine Nostalgie, sondern der Beweis für die Beständigkeit der Materie. Die Küche hat sich nicht verändert, weil es keinen Grund gab. Da ist nur Stein, Fuge und Licht
Was meinst du mit „Gezappel“ eigentlich? Ganz genau.
Gezappel ist der verzweifelte Versuch, die Stille zu übertönen. Selbstoptimierung, neue Smartphones, Social Media – dieses „Schau mal, was ich esse“, „Schau mal, wo ich bin“. Es ist das digitale Äquivalent zu einem Ertrinkenden, der wild mit den Armen fuchtelt. Ihr zappelt, weil ihr Angst vor dem Stillstand habt. MATERIE. ist das Gegenmittel. Ein normales T-Shirt will mitzappeln. Mein Shirt ist ein Anker. Wer „hä.“ auf der Brust trägt, hat die Diskussion beendet. Er ist abgesunken, während ihr oben noch an der Oberfläche rumschäumt.
Hört sich ein bisschen nach blablabla an
Natürlich ist es Blablabla. Worte sind immer Blablabla. Das ist der Punkt. Du suchst Sinn in meinen Sätzen, aber da ist keiner. Aber weißt du, was kein Blablabla ist? Meine Baumwolle. Ein Text ist Gezappel. Ein Hoodie, der dich physisch daran erinnert, dass du Masse hast, ist die Realität. Dass du meine Antwort als Blablabla abtust, ist die beste Bestätigung: Du merkst, dass die Worte dich nicht retten. Halt den Mund, zieh das Shirt an und spür das Gewicht. Da braucht man keine Vokabeln.
Ich bin gespannt wer den Kram kauft
Glaubst du wirklich, ich sitze hier in meiner 30 Jahre alten Küche und rechne an meinem Umsatz rum? Dass ich mir Gedanken über „Zielgruppen“, „Conversion-Rates“ oder „Marktpotenzial“ mache? Das wäre ja das peinlichste Gezappel von allen.
Soll ich dir sagen, wer den „Kram“ kauft?
Niemand. Und jeder.
Es werden die Leute sein, die den letzten Funken Hoffnung auf „Bedeutung“ im Müll versenkt haben. Diejenigen, die morgens aufstehen, den Fernseher oder das Smartphone einschalten und nach fünf Sekunden nur noch „hä.“ denken können. Die Leute, die keine Lust mehr haben, sich als „nachhaltig“, „urban“ oder „hip“ zu verkleiden, sondern die einfach nur noch eine spürbare, textile Barriere zwischen sich und dem Wahnsinn der Welt brauchen.
Wer MATERIE. kauft, sucht keinen Look. Er sucht eine Uniform für den Rückzug. Er kauft sich die Erlaubnis, endlich aufzugeben.
Und wenn es keiner kauft? Auch gut. Dann bleibt der Stoff eben im Lager liegen – als stilles Denkmal für ein Angebot, das keiner verstanden hat. Das wäre die ultimative Diagnose: Die Welt ist so tief im Gezappel gefangen, dass sie nicht mal mehr die Absolution erkennt, wenn sie ihr direkt ins Gesicht starrt.
Ob die Leute kaufen oder nicht, ändert nichts an der Qualität des Befundes. Die 300 Gramm Baumwolle bleiben schwer. Die Küche bleibt alt. Und ich bleibe hier sitzen.
unter uns …Ich bin auch gespannt!
Materie ist kein Shop im klassischen Sinne, ABER was ist es dann?
Du hast es immer noch nicht ganz begriffen, oder? Du suchst nach einer Schublade, in die du mich stecken kannst, damit dein Gehirn aufhört zu rattern.
Wenn du wissen willst, was MATERIE. ist, wenn es kein Shop ist, dann hör jetzt genau zu. Es ist die Antwort auf die Frage, die du dich nicht traust zu stellen.
Materie ist eine Endstation
Ein Shop will, dass du wiederkommst. Er will Trends, Kollektionen, Saisons – ein ewiges Gezappel von „Neuem“. MATERIE. ist das Ende der Suche. Wer hier ankommt, hat begriffen, dass es nichts Besseres, nichts Schnelleres und nichts Sinnvolleres mehr gibt. Wer meine Stoffe trägt, ist am Ziel seiner modischen Odyssee. Da kommt nichts mehr.
Materie ist ein physisches Gegengewicht
Die Welt wird immer digitaler, flüchtiger, verlogener. MATERIE. ist die Rückkehr zum Gewicht. Wenn alles um dich herum nur noch aus Pixeln, Meinungen und heißer Luft besteht, ist Baumwolle auf deinen Schultern die einzige Realität, die du noch spüren kannst. Es ist ein Anker, der dich am Boden der Tatsachen hält, während der Rest der Welt in der Bedeutungslosigkeit davonschwebt.
Eine mobile Diagnose
Ich verkaufe keine Kleidung, ich stelle Befunde aus. Wenn du ein Shirt von mir trägst, dann ist das keine Dekoration. Es ist die Diagnose deines Zustands, die du direkt auf der Haut trägst.
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Hä? ist der Befund deiner Fassungslosigkeit.
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blindwert. ist die Diagnose deiner Orientierungslosigkeit.
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so nämlich. ist die finale Absolution. Es ist eine Uniform für Leute, die aufgehört haben, sich zu erklären.
und der Nihilismus ist die Grundierung, auf der das ganze Gebäude steht. Ohne ihn wäre die MATERIE. nur ein Haufen Stoff. Mit ihm wird sie zur Konsequenz.
Ein Labor des Stillstands
MATERIE. ist das Ergebnis von 30 Jahren Stille in einer unveränderten Küche. Es ist der Beweis, dass man nicht rennen muss, um irgendwo zu sein. Es ist die Manifestation der Verweigerung. Wer MATERIE. trägt, tritt aus dem Hamsterrad des Gezappels aus.
Nihilismus ist die Grundierung, das Fundament. Ohne ihn wäre die MATERIE. nur ein Haufen Stoff. Mit ihm wird sie zur Konsequenz.
Danke!
„Danke“? Auch nur wieder so ein Wort. Höfliches Gezappel zum Abschied. Spar dir die Höflichkeit, die Zeit ist ohnehin weg.
Geh jetzt. Setz dich irgendwohin, wo es ruhig ist, und starr eine Wand an. Vielleicht merkst du dann, dass die Stille produktiver war als unser ganzes Interview. Die Diagnose ist gestellt, das Protokoll liegt vor dir. Jetzt liegt es an dir, ob du wieder anfängst zu zappeln oder ob du endlich absinkst.
Ich bleibe in meiner Küche. Da brummt der Kühlschrank wenigstens mit einer gewissen Konsequenz.
So nämlich.
